Mobile Opferberatung (Salzwedel, Magdeburg, Halle), 03.04.2025
Massiver Anstieg politisch rechts motivierter Gewalt +++ Dramatische Eskalation von Rassismus +++ Angriffe auf politische Gegner*innen fast verdreifacht +++ Steigende Gefahr rechten Terrors +++ Erneuter Anstieg antisemitischer Gewalt +++ Queerfeindlichkeit auf Höchststand

281 rechte, rassistische, antisemitische und queerfeindliche Angriffe mit 414 direkt Betroffenen hat die Mobile Opferberatung für das Jahr 2024 in Sachsen-Anhalt dokumentiert. Damit gab es im vergangenen Jahr statistisch gesehen fast an jedem Tag einen rechten Angriff – und einen Anstieg zum Vorjahr um 18 Prozent (2023: 239 Angriffe, 345 Betroffene). Seit Beginn des unabhängigen Monitorings vor 22 Jahren hat die Mobile Opferberatung nur im Jahr 2016 noch mehr einschlägige Gewalttaten erfasst (290).1
„Der massive Anstieg politisch rechts motivierter Gewalttaten ist nur vor dem Hintergrund einer fortschreitenden Normalisierung extrem rechter, minderheiten- und demokratiefeindlicher Positionen erklärbar. Damit einher geht eine erhöhte Gewaltakzeptanz und -bereitschaft.“2
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„Seit dem mörderischen Anschlag in Magdeburg ist die Landeshauptstadt zu einer Gefahrenzone insbesondere für muslimisch gelesene Menschen geworden.“
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„Überregional aktive, militante Neonazigruppen wie „Deutsche Jugend Zuerst“ stehen an der Schwelle zu rechtem und rassistischem Terror. Die politisch Verantwortlichen und Strafverfolgungsbehörden müssen endlich adäquat auf diese Eskalation rechter und rassistischer Gewalt reagieren. Dazu gehört auch die langfristige Absicherung von Bera-tungsstrukturen für die Angegriffenen und Selbstorganisationen betroffener Communities.“
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Für 2024 hat das spezialisierte Gewaltopferberatungsprojekt insgesamt 169 Körperverletzungsdelikte (2023: 144), 98 Bedrohungen bzw. Nötigungen3 (2023: 86), sechs Brand- bzw. Sprengstoffdelikte (2023: 2), fünf massive Sachbeschädigungen (2023: 5), zwei Raubstraftaten (2023: 2) sowie einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr als politisch rechts motivierte Angriffe registriert. Äußerst besorgniserregend ist zudem die für 2024 zu konstatierende, annähernde Verdopplung von Angriffen gegen Kinder von 23 auf 40, der Anstieg rechter Gewalt gegen Jugendliche und von gefährlichen Körperverletzungsdelikten um jeweils etwa 50 Prozent. Dabei ist von einer erheblichen Anzahl nicht angezeigter und auch der Mobilen Opferberatung nicht bekannt gewordener politisch rechts motivierten Gewalt auszugehen.4
Dramatische Eskalation von Rassismus
Wie schon in den Vorjahren war Rassismus bei 181 Angriffen mit 278 direkt Betroffenen mit einem Anteil von 64 Prozent das bei weitem häufigste Tatmotiv. Damit hat sich das dramatische Ausmaß rassistischer Gewalt in 2024 nochmal intensiviert (2023: 173 mit 249 direkt Betroffenen). Mehr als ein Viertel der direkt von rassistischer Gewalt Betroffenen waren zum Tatzeitpunkt unter 18 Jahre alt5. Besonders alarmierend ist, dass deutlich mehr Kinder auch direkt von rassistischer Gewalt betroffen waren (2024: 36; 2023: 21). So wie die sechs 11- bis 13-jährigen Schüler*innen, die am 16. Oktober 2024 nachmittags in einer Straßenbahn in Magdeburg plötzlich von einem unbekannten Erwachsenen rassistisch beleidigt und attackiert wurden. Eines der Kinder erhielt einen Schlag in den Nacken.
„Gewalt gegen Kinder und Jugendliche beeinträchtigt die seelische, schulische und soziale Ent-wicklung nachhaltig. Sie hat zudem oft erhebliche Folgen auch für die gesamte Familie. Eltern, die vor Kriegen und Terror fliehen mussten und auf Sicherheit für ihre Kinder hofften, fragen sich zunehmend, ob sie Sachsen-Anhalt verlassen müssen.“
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Der mörderische Anschlag mit sechs Toten und 86 Schwerstverletzten6, der am 20. Dezember 2024 von einem 50-jährigen Psychiater mit saudi-arabischem Hintergrund auf den Weihnachtsmarkt verübt wurde, markiert in vielfacher Hinsicht eine Zäsur. Der Anschlag hinterlässt tiefe körperliche, seelische und emotionale Wunden und eine anhaltende Unsicherheit für viele Menschen in Magdeburg. Dazu gehören auch viele migrantisierte Menschen, die durch die rassistische Instrumentalisierung des Anschlags und die darauffolgenden sog. Resonanztaten gleich mehrfach betroffen waren: So wurde noch am Abend des Anschlags ein 18-jähriger Student aus einer Gruppe heraus mit „Ihr gehört hier nicht her!“ beleidigt, mit dem Tode bedroht, geschubst und geschlagen. Und ein 13-jähriger Schüler wurde im Fahrstuhl seines Wohnhauses von einem Erwachsenen rassistisch beleidigt und gewürgt, wobei der Angreifer dem Kind vorhielt, der Anschlag sei „wegen Menschen wie ihm“ passiert.
Schon vor dem Anschlag hatte die Mobile Opferberatung in Magdeburg wöchentlich von min-destens einer rassistischen Gewalttat erfahren. Alleine in dem kurzen Zeitraum vom 20. bis 31. Dezember 2024 registrierte das Projekt nahezu täglich einen rassistischen Angriff in Magdeburg.
„Der sprunghafte Anstieg insbesondere antimuslimischer Gewalt nach dem mörderischen Anschlag in Magdeburg zeigt, wie schnell manifeste rassistische Einstellungen in offenen Hass und Gewalt umschlagen können. Diesem Klima der Angst, Abwertung und Ausgrenzung muss entschieden entgegengetreten werden. Hierzu gehört auch eine unmissverständliche Positionierung gegen Rassismus seitens der Landesregierung, eine konsequente Bekämpfung von strukturellem Rassismus ebenso wie praktische Solidarität im Alltag.“
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Angriffe auf politische Gegner*innen fast verdreifacht
45 politisch rechts motivierte Angriffe richteten sich gegen Menschen, die als vermeintliche oder tatsächliche politische Gegner*innen wahrgenommen und als solche gezielt attackiert wurden (2023: 16). Damit haben sich diese Angriffe im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdreifacht. Vier dieser Angriffe sind ebenfalls als Resonanztaten nach dem Anschlag von Magdeburg zu bewerten.
Davon direkt betroffen waren in 2024 insgesamt 68 Menschen (2023: 30), darunter 16 Jugendliche und ein Kind. Beispielsweise ein junger Mann, der am 25. Mai 2024 in Leißling, einem Ortsteil von Weißenfels (Burgenlandkreis) sein Missfallen über mehrere Feiernde geäußert hatte, die auf einer Party zum umgetexteten Song „L’Amour toujours“ rassistische Parolen gegrölt und dabei auch den Hitlergruß gezeigt hatten. Er wurde daraufhin von der Gruppe angegriffen.
Steigende Gefahr rechten Terrors durch neue neonazistische Jugendgruppen
Seit dem Frühjahr 2024 sind Sachsen-Anhalt-weit immer gewaltbereiter agierende, neonazistische Jugendgruppen und Netzwerke öffentlich in Erscheinung getreten.7 Sie eint eine digitale Alltags- und Erlebniswelt, in der rechte Aktionen und Angriffe gefeiert werden. Die Gruppen wie „Deutsche Jugend zuerst“ (DJZ) oder „Junge Nationalisten“ (JN) sind sowohl an zahlreichen, extrem rechten Mobilisierungen bundesweit beteiligt als auch in mehreren Fällen schwerer rechter Gewalttaten tatverdächtigt – wie zuletzt bei einem Angriff auf einen Schwarzen, außer Dienst befindlichen Polizisten und seine Partnerin am 28. März 2025 auf einem Supermarktparkplatz in Halle (Saale).
Ihre Mitglieder, welche auf klassische Neonazioutfits der sog. Baseballschlägerjahre zurückgreifen, verherrlichen offen den Nationalsozialismus und sind entsprechend bewaffnet: Wie beispielsweise am 7. November 2024 in Halle (Saale), als drei Freund*innen abends auf dem Nachhauseweg zwei mit Totenkopftüchern vermummte Neonazis trafen, die „Hass, Hass, Hass“ und „Scheiß Zecken“ schreiend auf sie zukamen, einer 22-Jährigen den Ellenbogen in die Seite rammten und mehrfach den Hitlergruß zeigten. Wenig später wurden vier junge Erwachsene von den vermummten Neonazis als „Scheiß Zecken“ beschimpft, mit einem Schlagstock bedroht und verfolgt. Neonazis der Gruppe DJZ aus Halle (Saale) und Umland waren zudem maßgeblich für einen brutalen Angriff auf SPD-Wahlkämpfer in Berlin-Lichterfelde am 14. Dezember 2024 verantwortlich. Drei der vier 16- bis 19-jährigen Beschuldigten sitzen deshalb in U-Haft.
„Die Ermittlungsbehörden dürfen nicht zusehen, wie die ,Deutsche Jugend Zuerst‘ die Schwelle vom militanten Neonazi-Netzwerk zur Terrorgruppe überschreitet. Das Wiedererstarken einer gewaltbereiten Neonaziszene wie in den 1990er-Baseballschlägerjahren ist eine Gefahr für all diejenigen, die nicht ins extrem rechte Weltbild passen.“
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Weitere Tatmotive: Antisemitismus und Queerfeindlichkeit
Ein erneuter Anstieg um 25 Prozent war auch bei antisemitisch motivierten Angriffen in 2024 zu verzeichnen (2024: 25; 2023: 20). Vor allem die Verdopplung antisemitischer Körperverletzungen (2024: 7, 2023: 3) ist besorgniserregend. Des Weiteren wurden auch 18 antisemitische Bedrohungen mit in die Statistik aufgenommen (2023: 17).
Zu der Drohkulisse gehören weitere Taten, wie Mitte November 2024, als Unbekannte in Magdeburg am Mahnmal für die Alte Synagoge Gedenkkränze zerstörten oder Ende Oktober 2024, wo in Zeitz (Burgenlandkreis) und Halle (Saale) Stolpersteine aus dem Boden gerissen wurden. Auch die weitere Radikalisierung antiimperialistischer Gruppen wie der „Students for Palestine“ (SfP) in Sachsen-Anhalt und bundesweit ist Teil des Bedrohungsszenarios. Auch in 2024 verbreiteten sie öffentlich vor allem israelbezogenen Antisemitismus. Und erst Mitte Februar 2025 wurde ein 19-Jähriger in der Schweiz festgenommen, der auf Telegram über Anschlagspläne auf die Synagoge in Halle (Saale) geprahlt und sich bereits eine Waffe besorgt haben soll.8
„Die Bedrohungslage für viele Jüdinnen_Juden in Sachsen-Anhalt hat sich fünf Jahre nach dem rechtsterroristischen Anschlag an Yom Kippur in Halle und Wiedersdorf weiter verschärft. Umso wichtiger waren und sind die deutlichen Zeichen der Solidarität, etwa durch unmissverständliche Verurteilungen der Taten, Gegenkundgebungen oder Spenden zum schnellen Austausch entwendeter Stolpersteine.“
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Mit 23 Angriffen und 28 direkt Betroffenen hat die Mobilen Opferberatung für 2024 eine queerfeindliche Gewalttat mehr als im Jahr davor registriert, was nach der Verdopplung in 2023 einen erneuten Höchststand markiert. Neben 14 Körperverletzungen und sieben Bedrohungen wurden auch zwei Raubstraftaten verübt. Und auch in 2024 waren Veranstaltungen zum Christopher Street Day (CSD) Ziele extrem rechter Hetze und Mobilisierungen sowie Bedrohungen und Gewalttaten. Durch eine erhöhte Polizeipräsenz und entschlossenes, zivilgesellschaftliches Handeln konnten direkte Angriffe auf die CSD-Demonstrationen wie im Jahr 2023 allerdings verhindert werden.
„Die Veranstaltungen anlässlich des Christopher Street Days als Ausdruck queerer Lebensweise, Kampf um Selbstbestimmung und eine vielfältige Gesellschaft werden von der extremen Rechten zunehmend zur Mobilisierung der gewaltbereiten Anhängerschaft genutzt. Flankierend nutzt die AfD-Landtagsfraktion ihre parlamentarischen Möglichkeiten für immer neue Diffamierungen und Hetze gegen die queere Community. Breite zivilgesellschaftliche Bündnisse und klare Positionierungen sind notwendiger denn je, um weitere Angriffe auf queeres Leben sowohl im parlamentarischen Raum als auch auf der Straße zurückzuweisen.“
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Dank und weitere Analysen
Unser ausdrücklicher Dank gilt all denjenigen, die Angriffe an uns gemeldet haben sowie folgenden Kooperationspartner*innen, deren Fälle gemäß den Kriterien ebenfalls in unsere Statistik 2024 eingeflossen sind:
- Antidiskriminierungsstelle Sachsen-Anhalt bei der Halleschen Jugendwerkstatt,
- Beratungsstelle für Betroffene rechter Gewalt Anhalt/Bitterfeld/Wittenberg bei AWO SPI Soziale Stadt und Land Entwicklungsgesellschaft mbH,
- Entknoten – Beratungsstelle gegen Alltagsrassismus und Diskriminierung bei LAMSA,
- Hauptamtliche Ansprechperson LSBTTI bei der Polizei Sachsen-Anhalt sowie
- RIAS Sachsen-Anhalt bei OFEK e.V.
In der Langfassung der Jahresbilanz 2024 finden Sie unsere ausführliche Analyse und weitere Inhalte, z.B. zu weiteren Motiven und Verschränkungen, Angriffsorten und regionaler Verteilung sowie grafischen Aufarbeitungen. Detailliertere Angaben zu den in der Jahresbilanz aufgeführten sowie weiteren Angriffen aus 2024 sind in unserer Chronik 2024 nachlesbar.
(Interaktive) Grafiken
- Selbst nach alter Zählweise (Details siehe https://www.mobile-opferberatung.de/veranderte-erfassung-rechter-notigungen-und-bedrohungen/) hat die Mobile Opferberatung seit Beginn ihres unabhängigen Monitorings 2003 nur für die Jahre 2015 und 2016 mehr politisch rechts motivierte Angriffe registriert (2024: 201; 2015: 239; 2016: 290). ↩︎
- So gewann die extrem rechte Alternative für Deutschland (AfD) bei der vorgezogenen Bundestagswahl Ende Februar 2025 in Sachsen-Anhalt 37,1 Prozent aller Zweitstimmen. ↩︎
- davon 80 nach ab 2023 geänderter Zählweise ↩︎
- vgl. u.a. https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/Publikationsreihen/Forschungsergebnisse/2018ersteErgebnisseDVS2017.pdf?__blob=publicationFile&v=14, S. 25 ff. ↩︎
- 2024 40 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren (2023: 38) ↩︎
- Die Mobile Opferberatung stuft den Anschlag aufgrund zahlreicher Hinweise auf eine extrem rechte und islamfeindliche Tatmotivation derzeit als Verdachtsfall ein. Für eine abschließende Bewertung bleibt der Gerichtsprozess gegen den Täter abzuwarten. ↩︎
- v.a. im Zusammenhang mit Christopher-Street-Day-Veranstaltungen in Ostdeutschland; siehe auch Abschnitt „Queerfeindlichkeit auf hohem Niveau des Vorjahres ↩︎
- vgl. https://www.mz.de/mitteldeutschland/sachsen-anhalt/festnahme-in-der-schweiz-19-jahriger-soll-mit-anschlag-auf-synagoge-in-halle-gedroht-haben-4013729 ↩︎